Das Leben ist Motorrad!
Es war Ende 1974, als ich, blizzwerk sen., nach meinem 1.Motorrad "Ausschau hielt". Bis dahin hatte ich ein Moped (als Österreicher natürlich eine Puch, Modell DS50V), aber noch nicht einmal einen Führerschein (war aber bereits in einer Fahrschule eingeschrieben).
Doch nun sollte ein richtiges Motorrad her! Wie sucht man, wenn man nicht die geringste Ahnung über den Motorrad-Markt (also welche Modelle es von welchen Marken in der Vergangenheit und Gegenwart gab) besaß? Nach Herumsuchen und Anschauen verschiedener Gebrauchter ("neu" war unfinanzierbar) - darunter eine weiße Honda 360 bzw. eine Puch SG 250 - wurde mir von einer Werkstatt eine Horex Regina 400 von einem Werkstatt-Kunden empfohlen. Horex!?? Den Namen hatte ich noch nie gehört ...
Diese Empfehlung war insoferne verständlich, weil diese Werkstatt die letzte noch immer im Betrieb befindliche ehemalige Horex-Werkstatt Österreichs gewesen ist. Ein wunderschönes Emailschild des Horex-"Wappens" war noch außen am Geschäft in der Hermanngasse befestigt. Als ich mir die Maschine im 22.Bezirk beim Besitzer ansah, war ich beeindruckt. DAS war eine richtige Maschine. Ein mächtiger Einzylinder, ein toller Sound! Eine kleine Probefahrt - ich am Soziussitz, da ich ja zu diesem Zeitpunkt noch keinen Führerschein hatte - dann war es klar: die ist es!

Am 18.Geburtstag bekam ich (die Prüfung hatte ich 2 Monate zuvor bestanden) meinen Führerschein. Die Horex stand während dieser Zeit im Hof hinter dem Haus. Und mit dem Versuch der Inbetriebnahme ging es los: leider war so ziemlich alles technisch reparaturbedürftig an dem Ding. Das konnte ich nicht ahnen. Bei der Probefahrt funktionierte sie, also warum sollte sie nicht auch die nächsten Jahre funktionieren? dachte sich der kleine Max. Tat sie aber nicht und danach folgte ein grausamer Leidensweg für den, der absolut keine Ahnung von Technik, Elektrik und Werkzeug hatte: mich.
Über einen Freund eines Freundes kam ich an Peter. Der hatte eine eigene kleine Privat-Werkstatt, wo eine Horex und ein paar Goldstars (scharfe BSA-Einzylinder-Motorräder) standen. Ich habe ihn so bewundert! Für all das Werkzeug, die Maschinen, sein Wissen. Ich liebte es, zuzuschauen, wenn er nun an meiner Horex "herumzangelte". Und dachte mir: das will ich auch einmal können.
Nachdem das Allernötigste (Elektrik, Bowdenzüge, Benzinhähne, Vergaser) wieder geflickt war, ging es im Frühsommer auf große Tour. Eine Reise mit meinem Freund Manfred über München nach Italien (wo Familienangehörige an der Adria Sommerurlaub machten).
Die Reise war wettermäßig eine Katastrophe. Überwiegend Regen von Wien bis München. Heutzutage mit Goretex-Gewand nicht der Rede wert, aber 1975 kaufte man sich ein Motorrad, borgte sich von einem Bruder eine Uralt-Lederjacke, nahm den Helm vom Mopedfahren und fertig war die Bekleidungsfrage. Motorrad-Stiefel? Wasserdichte Hose?? Handschuhe, vielleicht sogar noch wasserdicht???
Die Fahrt ließe sich leicht auch: "Das langsame Sterben einer Horex" übertiteln. Vermutlich wären wir gar nicht bis München gekommen, wenn nicht diese phänomenale Motorkühlung in Form von Regen gewesen wäre. Hier im Bild visualisiert (es war gerade mal wieder trockener!): unsere bemühten Zurufe - zumindest hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht den Witz verloren. Immer wieder sprang sie dann nochmals an und fuhr die nächste halbe Stunde bis zum nächsten Kolbenreiber (der uns Anfängern natürlich als solcher nicht bewußt war).

Aber die Horex schaffte es bis München. Da stand wir nun: durchnäßt, mit einer angeschlagenen Maschine ...

Später, am Abend, übersiedelten wir in der Bahnhofshalle (da war es zumindest trocken). Leider wurde die um 22 Uhr geschlossen und wir standen wieder auf der Straße. Nach einer Übernachtung der ungewollten Art (aber jede Nacht ist irgendwann auch wieder vorbei!) ging es weiter Richtung Süden.
Das Wetter war sonnig und die arme Horex schleppte uns weitere 100km bis über die deutsch-österreichische Grenze. Irgendwo in Vorarlberg war dann wiedermal Sendepause (der nächste Kolbenreiber). Es ist kaum zu glauben, mit welch rührender Einfalt wir Jungs dachten, daß alles wieder gut wird, wenn SIE nur wieder anspringt!

Wenig später ging dann gar nichts mehr, die Horex verweigerte standhaft jede Form von Funktion. Irgendwie mußten wir die Maschine nun los werden, um per Bahn weiter zu unserem Ziel an der Adria zu kommen. Bahn war das Stichwort!

Am Verlade-Bahnhof: ein unrühmliches Ende meiner ersten Motorradreise.
Wir fuhren erst mit Zug, dann mit Bus bis Lignano und verbrachten dort einige schöne - auf jeden Fall sorgenlosere - Tage.
Wieder zurück in Wien wurde der Motor von Peter wieder fahrbar gemacht, aber für mich war die Luft raus. Beim legendären Otto auf der Quellenstraße gabs jede Menge gebrauchte Motorräder, darunter eine BMW. B-M-W!!!! Das waren doch diese Tollen ....!!!! War mir natürlich völlig egal (=unbekannt), daß es gewisse Unterschiede gab - zwischen den aktuelleren BMW-Modellen und dieser abgehalfterten R51/3 aus dem Jahre 1954, um die es mir ging. Hauptsache, das blau-weiße Logo war am Tank.
Inzwischen schreiben wir das Jahr 1976. Damit endete meine Horex-Ära für's Erste!
BMW als das einzig Wahre
Die Blau-Weiße Ära dauerte länger an. Irrigerweise war ich während dieser ganzen Zeit der Meinung, das einzig Wahre zu tun. Japanische Motorräder mutierten im Gegenzug schnell zu absoluten No-Go`s. Und Hubraum war das einzige Qualitätsmerkmal (je mehr desto besser - deswegen stach die 51/3 mit 500cc die Horex gnadenlos aus). Auch PS-starke Zweitakter waren uninteressant und fielen imagemäßig für mich sowieso in die Mopedkategorie.
Dazu zählte auch die seit 1977 im Besitz befindliche Puch 250 SG, die mein Alltagsmotorrad war (und die ich noch immer - als nun dienstältestes Motorrad - besitze).
Nach der BMW 51/3 wanderte eine BMW R60/2 ins Zentrum meiner Begierde. Von einem Bekannten aus dem BMW-Klub eiskalt über den Tisch gezogen (zu dem stolzen Preis von 20.000 ÖS und der Verschweigung eines anstehenden Motorproblemes kam noch die Reparatur desselben um 12.000 ÖS dazu - um das Geld hätte ich damals schon ein /5-Modell bekommen, die ab 1969 verkauft wurden und 1977 bereits durch die /6 und sogar /7-Baureihe abgelöst wurden.
Die R60/2 war (nach der Reparatur) extrem zuverlässig. Da mich die Aussage des BMW-Reparier-Gottes Gerhard, sie nicht im Vollgas-Bereich zu nutzen, dazu bewegte, es bei knapp 100 km/h auf der Autobahn bewenden zu lassen - rollte ich die danach folgenden ca 50.000 km eher ab. Hatte aber auch eine "erzieherische Wirkung"!
Parallel zu meiner blau-weißen Phase verschlug es mich '78 für einen mehrmonatigen Job nach München, der mir neben gutem Geld auch ein "Münchner Mädel" bescherte. Und wie es der Zufall wollte, hatte ihr amerikanischer Exfreund, der mit der US-Army stationiert war, ein Motorrad zu verkaufen. Es war eine verunfallte Dunstall Norton Commando 810. Da Freund Erwin eine Norton Fastback besaß (die mich total faszinierte: brutaler Sound, schwarz+schlank+böse), den ich gerne beeindrucken wollte (ich habe AUCH eine Commando!), kaufte ich die Norton spontan.
Ich "wußte" inzwischen über die Unzuverlässigkeit, die schlechte Ersatzteilversorgung und die komplexe Wartung (wegen notwendigem Zoll-Werkzeug) etc aus der Motorrad-Literatur etwas Bescheid und hatte eigentlich nicht vor, diese Norton herzurichten. Abgesehen davon war Vieles von diesen Informationen über englische Motorräder Klischee, das so nicht stimmte - aber das ist eine andere Geschichte.
Der Unfallschaden war, aus heutiger Sicht betrachtet, lächerlich: nur die Standrohre der Vordergabel waren stark verbogen (sonst nichts!). Damals war das ein unüberwindliches Hindernis: woher Ersatzteile und das spezielle Werkzeug nehmen - und wie Anmelden und vorher Typisieren? Die Fahrzeugpapiere waren ja Amerikanische. Es war schon mühsam genug, bei der Einreise nach Österreich das Motorrad zu verzollen! Aber Freund Erwin war von meiner Norton hingerissen und wollte sie unbedingt haben, denn die Umrüstteile auf 810 cc (Aluzylinder statt Stahlzylinder u.a.) waren was Besonderes. Aber ich wollte mich nicht so leicht von dem Gefühl, "zumindest" der Eigentümer einer schweren Norton zu sein, trennen.
Es vergingen Monate bis ich über einen gewissen Herrn Faber (der eine Motorrad-Sammlung hatte - alte bis sehr alte "Engländer") eine österreichische Norton Commando (sogar mit 850cc!! Was nur besser klingt als die tatsächlichen 828cc, die eine "850er" wirklich hatte) angeboten bekam. Einziger Makel: Sie hatte ein vollständig zerstörtes Getriebe: das Gehäuse war geborsten, die Innereien zum Wegschmeißen.
Doch ich hatte ja ein Getriebe - von meiner 810er! Also bekam der Erwin seine 810er zu dem Preis, den ich dem Ami gezahlt habe (plus Verzollungskosten) und ich hatte "gratis" ein Getriebe für die 850er. Nach einer unnötigen Reparatur bei der Fa. Hoyer, die es zum Glück nicht mehr gibt (denn die Betreiber waren maßgeblich daran beteiligt, den Wien und Umgebung Norton-Fans "den Nipf" zu rauben. Durch ungerechtfertigt hohe Preise und fehlender Begeisterung für das, was sie tun).
Schließlich war SIE dann doch auf der Straße und es begann eine aufregende Motorrad-Zeit, die mein 2Rad-Weltbild vollständig neu definierte. Englische Motorräder waren für mich "aber SOWAS von geiiil" Doch es schmerzte im Nachhinein, die Horex im Eintausch (mit Aufzahlung) gegen die BMW R51/3 "verstoßen" zu haben.
Da ich wollte, daß auch meine Freundin Gitta ein Motorrad hatte, suchte ich nach etwas Geeignetem, um (mit ihrem Geld) einen stillen Wunsch zu erfüllen: eine Horex anzuschaffen. Das gefunde Exemplar wurde mit viel Zeit und Geduld hergerichtet- wieder mit dem Anfangs erwähnten Alles-Könner Peter.
Ich kann nicht behaupten, daß ich Gitta ausgenützt habe, zumindest hat mich die ganze Sache viel zu viel Energie gekostet, um von einer win-Situation zu sprechen - es war eher eine loose-loose Konstellation (neue Kurbelwelle, Motorblock-Schweißungen, Zylinderkopf-Überarbeiten, neue Elektrik, alles zerlegen - und das ohne eigene Werkstatt - mit unzähligen Fahrten zu Freund Peter, der sich so allmählich fragte, wozu er das alles (unentgeltlich!) für mich machte. Und für meine Freundin kam nix Funktionelles raus.
Als sie nämlich fahrfertig war, ging es mit dem Fahren-üben für Gitta los. Immer wieder kleine Probleme, Gitta verlor langsam die Geduld, denn als Stadtfahrzeug war DIESE Horex für eine Studentin unbrauchbar. Von einer dieser Probefahrten stammt das folgende Bild. Irgendwas schien wieder nicht zu funktionieren (die Antriebskette war nicht richtig gespannt und hatte sich in dem unteren Kettenkasten hinten verfangen, diesen so verbogen, daß im Endeffekt das Hinterrad blockierte ... daher auch mein eher schlecht-gelaunter Gesichtsausdruck.

Also wanderte ihre Horex in den Schupfen hinter dem Haus von Gittas Großeltern. Dort dümpelte die "endlich ziemlich fahrbereite" Maschine ungenutzt herum. Wen das wundert, der möge mal eine Frau bitten, die Regina auf den Hauptständer zu bekommen. Wie eine 160 kg "leichte" Maschine so einen kräfteraubenden (Standard-)Hauptständer haben konnte, ist mir ein Rätsel. (und Seitenständer gabs sowieso nicht)
Und dann das Anstarten! Daß es original einen Dekompressor an der Regina gab, wußte ich ja nicht (bei meiner war der damals auch nicht dran)
Nach 2 oder 3 Jahren, die Beziehung war schon längst vorbei, erinnerte ich mich an die ungenutzte Horex und rief meine Exfreundin an (wie wichtig es doch immer wieder ist, im Guten auseinander zu gehen!). Ob sie das Motorrad verkaufen würde.
Sie würde!
So landete die mühsam aufgebaute Horex Nummer 2 endlich an ihren richtigen Platz. Unter meinem Hintern sah die Horex dann endlich wieder was von der Welt - Deutschland, Holland, England, Schottland - sogar beim legendären Rennen von Brösels Red-Prosche-Killer ganz oben im Norden Deutschlands war sie dabei. Auf dem Weg hinauf - durfte ich beim Horex-Kahrmann in Fulda auf dem Grünstreifen neben dem Kundenparkplatz mein Zelt aufstellen und übernachten!! (der Kahrmann sen. war ein ganz feiner Kerl, der - trotz Riesengeschäfts: Autovertretung für mehrere großen Marken - es sich als Firmeninhaber nicht nehmen ließ, die Horex-Kunden persönlich in dem nebenliegenden Horex-Lagerbüro zu bedienen). Und jeder Reisekilometer - in den nördlichsten Winkel Deutschlands und danach wieder retour nach WIen - war auf eigener Achse! Diese Reise wurde übrigens mit 2 Horexen gemacht, Freundin Gabi fuhr auf der 2. (die ich in der Zwischenzeit von Grund auf aufgebaut hatte, weil ich endlich meine eigene Werkstatt besaß)
Ein langer gemeinsamer Weg ...nun ist ein bißchen Übergabe an die nächste Generation mit ein Thema. Diese Maschine wird nie mehr zum Verkauf stehen, höchstens von einer Generation zur Nächsten übergeben. An den, der sie verdient.
Um genau diese Maschine geht es bei dem Umbau-Projekt von Hugin!